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» Veranstaltungsverzeichnis » Autoren-Interview von Ulrich Wilker mit Johannes Witek

Nachfolgend finden Sie alle durch den Aussteller bereitgestellten Informationen für die gewählte Veranstaltung. Neben einer ausführlichen Beschreibung und Zusatzinformationen können auch weiterführende Links vorhanden sein.

AUTOREN-INTERVIEW VON ULRICH WILKER MIT JOHANNES WITEK - Literatur & Lesungen
Veranstaltung: Autoren-Interview von Ulrich Wilker mit Johannes Witek
Thema/Info: "Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte"
Kategorie: Literatur & Lesungen
Datum: 21.11.2009 - 31.12.2010
Zeit:
Ort/Stadt: Köln/ Salzburg/ Online
Veranstaltungsort: Online
Kosten: keine
Veranstalter: Chaotic Revelry Verlag
www.cr-verlag.de
Beschreibung: UW: Johannes, in Anlehnung an den Titel Deines neuen Buches möchte ich mit der Frage beginnen, wo es sich denn nun eigentlich besser lebt - im Norden oder im Süden?

JW: Gute Frage. Kommt auf die Perspektive an. Im Norden gibt's den Mond und etwas, was man anbeten kann. Unabdingbar für die menschliche Psyche. Im Süden gibt's die säkularisierte Sachertorte. Unabdingbar für die menschliche Wampe. Eine fatale Dialektik tut sich hier auf, ein Konflikt faustischen Ausmaßes gähnt uns an. Nach reiflichem Erwägen komme ich zu folgender bahnbrechender Ansicht: am besten ist es in der Mitte. Die menschliche Psyche hat noch nie jemand gut getan und scheiß auf die Sachertorte. Das Klischee und alles. Was kommt als nächstes? Mozartkugeln? Fiaker? Ich hasse Fiaker.

UW: Über Dein diplomatisches Plädoyer für die Mitte muss ich mich doch ein wenig wundern - hat nicht Dein berühmter Landsmann Arnold Schönberg gesagt, "Der Mittelweg ist der einzige, der NICHT nach Rom führt"?

Und wenn wir schon bei den Klischees und berühmten Landsmännern sind: In einem Deiner Texte läuft kurz Georg Trakl durchs Bild, der in der Salzburger Apotheke „Zum weißen Engel“ ja gerne mal ein paar Betäubungsmittel hat mitgehen lassen. Ist Trakl sozusagen die andere Seite der Salzburger Mozartkugel-Festspiel-Klischee-Medaille (und damit wieder nur ein anderes Klischee) oder taugt er heute noch zum Vorbild für bewusstseinserweiterte Jungliteraten?

JW: Georg Trakl hatte beängstigend große Nasenlöcher und, nach allem was wir wissen, seine Schwester geknallt. Beides nicht zu unterschätzende Anzeichen von Originalität, würde ich sagen, die durchaus zum Vorbild gereichen. Mir zumindest. Für den Rest kann ich natürlich nicht sprechen.

Übrigens fällt mir auf, dass du überdurchschnittlich bewandert bist in der österr. Literatur. How comes? Vielleicht ist das alles von außen doch nicht so trostlos, wie es von hier innen aussieht?

Ich gestehe zu, dass die Mitte ein wenig langweilig und Standard ist. Aber dann, wer WILL schon noch nach Rom? Also, in das Rom von heute? Und wenn man was dafür tun muss ... und wofür? Fettige Pizza und jede Menge toter Kultur und Geschichte auf Fotos, und man selber davor, mit einem extra dämlichen Gesichtsausdruck, der sagt: ich stehe hier und hab eine gute Zeit, weil ich MUSS. Ich habe dafür BEZAHLT und jetzt will ich was dafür HABEN. Unnötig. Am besten gar nicht erst aus dem Bett aufstehen.

Aber, ja, um auf Trakl zurückzukommen, in gewisser Hinsicht ist er eine Alternative zu allem, was uns hier so kränklich anzuglänzen versucht. Eine Art dunkel wuchernder Pilz an der Unterseite, obwohl natürlich längst vereinnahmt und absorbiert, nachdem man zuvor die Toxine sorgfältig analysiert und isoliert hat.

Außerdem: zu viel Mond in seinen Gedichten. Dauernd irgendwo der beschissene Mond. Der Mond hat in Gedichten nichts zu suchen. Er gehört in den schmierigen schwarzen Abwaschwasser-Himmel, von wo aus er einem wie ein giftiges Auge ins Hirn starrt. Geschweige denn, in Gedichtbandtitel.

UW: Es ist doch fast schon ein Klischee, dass wir Deutschen österreichische Literatur so besonders toll finden - bei mir jedenfalls rangieren Streeruwitz und Glavinic ziemlich oben auf der Liste, bei vielen, die ich kenne, kommen Bernhard oder auch Doderer noch dazu - naja, junge Literatur ist das alles nicht gerade, ich gebs zu.

Aber à propos Trostlosigkeit, zu berühmten Landsleuten noch eine letzte Frage: Seit einiger Zeit gibt es ja in Kärnten das Jörg Haider-Museum zu bewundern und bestaunen, was mich auf die Frage bringt: Was könnte man alles in einem Witek-Museum entdecken? Außer Gipsabdrücke der Nasenlöcher und den Briefwechsel mit seiner/Deiner Schwester (z.B.)?

JW: Klischee oder nicht, es fasziniert mich besonders, dass Doderer so beliebt ist in Deutschland. Hab ich schon von mehreren Seiten gehört. Kein Vergleich zu hier. Doderer, wer?

Dabei hat er geschrieben:

"Die Watschen muss ein ihr Objekt umfassender Volltreffer sein, der es gleichsam als Negativ mit allen Einzelheiten abbildet. Eine Watschen ist personumfassend und erledigend."

Allein diese beiden Sätze wiegen ganze Gesamtwerkreihen diverser anderer Nasen auf, meiner bescheidenen Meinung nach. Insofern würde ich sagen, dass es auch das ist, was in jedes anständige Museum solcher Art gehört: Zeugnisse der Watschen, die einer bekommen hat. Vielleicht weniger die physischen. Obwohl die natürlich auch.

Denn sind oh sind wir nicht alle in unserem Leben im Grunde nur unterwegs von einer Watschen zur nächsten? Ein "Witek-Museum" wäre jedenfalls so ziemlich die größte für mich. Die Vorstellung erfüllt mich mit Grauen.

UW: Es ist natürlich auch mehr als ein Klischee. Marlene Streeruwitz etwa betont ausdrücklich, dass Sie auf Österreichisch schreibt und nicht auf Deutsch (und führt als Beispiel etwa verschiedene Konjunktivbildungen an). Vielleicht finden wir Deutschen in österreichischer Literatur etwas, das wir in der eigenen nicht finden können (dazu gabs mal ein großes Spezial in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)? Exotismus - Österreich als erster Außenposten des Morgenlandes? Das Fremde im Eigenen bzw. Eigene im Fremden? Welcher Sprache bedienst denn Du Dich? Was kannst Du uns geben, was wir bei uns nicht haben? Gibt es ein deutsches Oberunterwörgersdorf? Oder sind Salzburger Watschen schlicht und ergreifend nichts anderes als eine ganz normale bundesdeutsche Ohrfeige (dabei klingt Ohrfeige sogar morgenländischer als Watsche!)?

JW: Das sind sehr interessante Fragen für mich.

Ich bin Österreicher und lebe ungefähr 98% meiner Zeit in und durch die österreichische Umgangssprache hindurch, sprich: den Dialekt. Natürlich gibts nicht nur einen. Es gibt das nasale Wiener Flöten, den Kärntner Beller, das Tiroler Speckknödel-"R", und die siebzehn Vorarlberger Diphthonge, die eigentlich lieber Schweizer Staatsbürger wären. Etc. Gleichzeitig gibt es im Dialekt einige eklige, absurde, groteske und schlicht und einfach schier geniale Wendungen und Vokabel, von denen kein Mensch weiß, woher sie kommen und um die es wirklich schade wäre, finde ich, würde sie die, ähem, "Literatur" (?) komplett ignorieren.

Zugleich habe ich aber folgendes Problem: Ich hasse Dialektliteratur, Mundartdichtung, den ganzen Krampf. Ich verstehe die Idee, aber irgendwie zieht sich bei mir immer alles zusammen, wenn ich so was lese:


"Wüst ned, hod ea

zu mia gsogd

mi liabn wia die

gonze wöd?"



"Da Opa kumt zua Tia eine,

legd sein Beidl aufn Disch

und trinkt zwöööf Lita

Ziamschnops!!"

Irgendwas stellt sich da auf bei mir. Und nichts, womit man sich fortpflanzen könnte.

Das komplette Interview ist zu lesen unter:
http://cr-verlag.de/pageID_8883407.html
Download:
Eingetragen von: Chaotic Revelry Verlag e.K.
Aktualisiert am: 26.12.2009 - 22:38:04

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