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» Produktverzeichnis » Buch » Der Gewürzhändler zu Frankfurt

Nachfolgend finden Sie alle bereitgestellten Informationen für das gewählte Produkt. Neben einer ausführlichen Beschreibung und Zusatzinformationen können auch Presseberichte und zusätzliche Dateien zum Download vorhanden sein.

INFORMATIONEN
Der Gewürzhändler zu Frankfurt

Der Gewürzhändler zu Frankfurt - Mathias Müller


Arthurs Reise nach Indien


(Edition Leserunde)

ISBN-13: 978-3-980-991-5-99
Referenz-Nr.: SP-348-784
Format: Taschenbuch
Auflage: 1
Gewicht: 0.550 kg
Ausstattung: Broschiert
Umfang: 427 Seiten
Veröffentlicht: 1.5.2008
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Preis: 11,95 EUR inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten
Verfügbarkeit: Lieferbar
Lieferzeit: 2-3 Tage

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Mehr aus Kategorie(n): Belletristik


BESCHREIBUNG
Frankfurt Mitte des 17. Jahrhunderts. Arthur ist ein einfacher fahrender Händler entlang von Main und Rhein, bis ihm ein Unwetter Hab und Gut raubt. Er wird von einem Flörsheimer Gutsherren gerettet und verliebt sich in dessen Tochter Elisabeth. Nach einem Streit mit Arthur willigt Elisabeth in die von ihrem Vater arrangierte Hochzeit mit einem fränkischen Adligen ein. Zu diesem Zeitpunkt ist sie jedoch bereits schwanger. Als Elisabeths Ehemann von dem Kind erfährt, muss Arthur das Gut fluchtartig verlassen. Sein Weg führt ihn zurück in seine Geburtsstadt Frankfurt, in der er den Gewürzhandel erlernt und sich schnell in den Kreisen des gehobenen Bürgertums etabliert. Als er Elisabeth und den gemeinsamen Sohn aus den Fängen des Adligen befreit, scheint das Glück perfekt. Doch die Ereignisse nehmen eine Wendung, die Arthur in sein größtes Abenteuer stürzen: Die Seereise nach Indien.

Erleben Sie die spannenden Abenteuer des Gewürzhändlers Arthur. Gehen Sie mit ihm auf große Reise um die habe Welt.


LESEPROBE
I.
Aequam memento rebus in arduis servare mentem!
Denke daran, in schwierigen Situationen Gelassenheit zu bewahren!



Die Leibwache Gandolf Schelm zu Bergens
Er war ein fahrender Händler, der weder Frau noch Kind hatte. Zumindest
hoffte er, keine Kinder zu haben, denn er war ein gut aussehender, groß gewachsener
Bursche mit einer starken Wirkung auf das andere Geschlecht.
Und wie jeder weiß: Gelegenheit macht Liebe. Sein Name war Arthur. Der
Händler saß auf seiner Kutsche und befuhr die holprigen Straßen kurz vor
den Toren Frankfurts. Seine Geburtsstadt löste immer wieder ein Gefühl von
Geborgenheit bei ihm aus. Es war zu der Zeit, als gerade die Pest ihre dunklen
Krallen verloren hatte. Noch wenige Monate zuvor war die Stadt am
Main eine Geißel des Schwarzen Todes gewesen. Nicht einmal die Ärzte waren
gegen die fürchterliche Krankheit gefeit. Viele von Arthurs alten Freunden
hatte die Pest mitgenommen. Es war eine furchtbare Zeit gewesen.
Wenige Tage vor Arthurs Ankunft in seiner geliebten Stadt wurde ein gewisser
Philipp Jacob Spener zum geistlichen Oberhaupt der Stadt auserkoren.
Man schrieb das Jahr 1666. Doch das alles interessierte Arthur herzlich wenig.
Darüber machte er sich keine Gedanken. Um ihn herum setzte sich langsam
der Frühling gegen den immer schwächer werdenden Winter durch. Zarte
Knospen zwängten sich am Wegesrand durch den noch vom Winter ausgelaugten
Boden. Arthur liebte diese Jahreszeit. Sie trieb ihn immer weiter voran,
auf seinem langen Weg entlang von Main und Rhein. Sein schulterlanges
blondes Haar hing strähnig von seinem edelmütigen Haupt. Vom Kutschbock
aus lenkte er in gebückter Haltung sein Pferd über die unebenen Handelswege
zwischen Frankfurt und Köln. Horatio, der braune Hengst, war ein
Geschenk des Klosters, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Bei seinem
tränenreichen Abschied vor vielen Jahren hatte man ihm das starke Tier überlassen.
Bei Samson, seinem treuen Hund, verhielt sich die Sache hingegen
völlig anders. Das Tier, von undefinierbarer Rasse, war ihm eines Tages am
Wegesrand begegnet. Der rothaarige Rüde blickte Arthur damals aus seinen
treuen Augen traurig an. Aus Mitleid warf Arthur ihm einen Brocken Fleisch
zu, was Samson als Aufforderung zur Mitreise verstand. Seitdem trottete der
Rüde an jeden Ort, an den Horatio den geräumigen Planwagen Arthurs zog.
Zum Schutz gegen das Wetter trug Arthur einen langen ledernen Mantel,
dem man die Jahre ansah. Wenn er den braunen Wetterschutz einmal nicht
trug, blieb ihm nur noch sein nicht minder abgetragener Wams. Seine Füße
wurden durch Ledergamaschen, die er einmal in einem Dorf gegen einen
Kochtopf eingetauscht hatte, geschützt. Arthur umspülte eine Aura, die für
viele unerklärlich blieb. Sein kantiges, schlecht rasiertes Gesicht und die darin
ruhenden blauen Augen trugen das ihre dazu bei. Besonders verwegen

machte sein Antlitz die kleine, fast unsichtbare Narbe unter dem rechten Auge.
Seine Körpergröße lag bei Weitem über dem Üblichen. Durch seine Ausbildung
im Frankfurter Karmeliterkloster war er außerdem noch überaus gebildet.
Sein Lehrmeister, Bruder Claudius, erzog sein Mündel zu Besonnenheit
und überlegtem Handeln. „Abyssus abyssum invocat“, hatte Claudius
immer zu ihm gesagt. „Ein Fehler zieht den anderen nach sich. Deshalb denke,
bevor du handelst, mein Junge.“
Diesen Ratschlag versuchte Arthur zu befolgen. Doch wenn ihn jemand
herausforderte, konnte Arthur auch schnell und hart zuschlagen. Diese Mischung
aus Raubein und sanftmütigem Riesen machte ihn bei den Schönen
an seinem Handelsweg nahezu unwiderstehlich. Wenn sich eine Dame zu
ihm neigte, ließ er sie gewähren. Er war ohnehin nur ein paar Tage an einem
Ort, daher war es ihm im Grunde egal, ob er ein Kind gezeugt hatte, dem sein
Blut die Adern füllte. Was kümmerte es ihn? Manchmal jedoch musste er
auch Prügel einstecken. Zum Beispiel, wenn er sich zu nahe an eine Frau
wagte, die einem Anderen versprochen war, oder der Vater eines Mädchens
besonders argwöhnisch wachte.
Arthur war zufrieden mit seinem Leben. Er war fast überall ein gern gesehener
Gast, da er immer Neues zu berichten wusste. Er war für viele einfache
Menschen in den Dörfern der Einzige, der Abwechslung in ihren beengten
Alltag zwischen Ackerbau und Viehzucht brachte. Und wenn es einmal keine
Neuigkeiten gab, so erfand er einfach welche. Durch seine Geschichten vergaßen
die Menschen für eine kurze Zeit ihr trostloses Dasein und lachten
über Arthurs Scherze und Geschichten. Am meisten mochten sie es, wenn er
ihnen erzählte, dass es den Reichen und Herrschenden auch nicht besser erging
als ihnen. Wenn Arthur einmal Hunger hatte und ein Dorf in der Nähe
war, so fuhr er hinein, um sich eine Mahlzeit mit seinen Schauermärchen von
den Adligen des Landes zu verdienen.
Er war ein wahrer Künstler im Erkennen der Bedürfnisse der einfachen
Leute. Er spürte es förmlich, welche Stimmung vorherrschte und erzählte die
passende Geschichte dazu. Geld verdiente er mit dem Verkauf seiner Waren.
Doch lieber waren ihm Wein und frisches Fleisch, sodass er sich daran laben
konnte. Was nutzte einem ein voller Beutel mit Gold, wenn man, Tage entfernt
von einem Markt, Hunger litt? Eigentlich brauchte er Geld nur, um seinen
Warenbestand ab und zu mit Dingen aufzufrischen, die er nicht unterwegs
tauschen konnte.
Er wurde im Jahre des Herrn 1645, drei Jahre vor Ende des Dreißigjährigen
Krieges, in Frankfurt am Main als Sohn eines armen Kaufmanns geboren.
Die Stadt hatte sich gerade davon erholt, dass der schwedische König Gustav

Adolf Frankfurt als Quartier für sich und seine Truppen auserkoren hatte, und
erreichte fast die alte Blüte zurück. Jedoch hielt die Pest die Stadt weiterhin
in Atem.
Arthurs Vater war zwar ein fleißiger Händler, aber leider auch ein großer
Freund des Glücksspiels. Er verspielte meist die Tageseinnahmen aus dem
kleinen Laden noch am selben Tag. Arthurs Mutter tat sich schwer, das Geld
vor ihrem Mann zu verbergen. Immer wieder musste sie sich neue Verstecke
ausdenken. Doch irgendwie schaffte sie es, dass die kleine Familie immer
genug Geld hatte, um über die Runden zu kommen. Als Arthur fünf Jahre alt
war, wurde sein Vater bei einem Streit mit einem Mitspieler erschlagen. Seine
Mutter versuchte noch eine Zeit lang, sich und ihr Kind zu ernähren.
Schließlich aber gab sie Arthur in die Obhut der Karmeliter. Sie vermachte
ihr gesamtes Vermögen dem Kloster. Im Gegenzug wurde ihr versprochen,
dass ihr Sohn eine gute Ausbildung erhalten und ein guter Mönch werden
würde. Wenig später starb auch Arthurs Mutter an den Folgen der Pest.
Das Waisenkind wuchs zunächst im Schoße des Klosters auf. Die Karmeliter
galten zu jener Zeit als eine der letzten Bastionen der alten Kirche. Die
Reformer hatten ansonsten die Stadt fest in ihrem Griff. Arthur erhielt eine
solide Ausbildung. Ihm fehlte es an nichts. Doch schon wenige Monate nach
seinem Eintreffen zog es den Jüngling vor die großen Mauern des Klosters.
Er schlich sich immer öfter davon und streifte durch die engen Gassen Frankfurts.
Die Stadt pulsierte geradezu vor Geschäftigkeit. Das Kommen und Gehen
der Wagen, das Getümmel in den Straßen, das ständige Ausweichen vor
den umherhastenden Wagenführern und Reitern und das Stimmengewirr auf
den großen Plätzen der Stadt, wo Händler aus aller Herren Länder ihre Waren
feilboten, faszinierten den kleinen Arthur. Das geschäftige Treiben in der
Stadt interessierte ihn mehr als das ewige Lateinlernen und die komplizierten
Rechenaufgaben, die ihm sein Lehrer Claudius stellte.
Einige Jahre später verließ Arthur die Karmeliter. Claudius machte sich
Vorwürfe, versagt zu haben, da er es nicht geschafft hatte, seinen Schüler für
das Leben als demütiger Mönch zu begeistern. Arthur aber zog es vor, als
fahrender Händler durchs Land zu ziehen, um sein eigener Herr zu sein. Ihm
tat es in der Seele weh, das Kloster und seine Bewohner zu verlassen, doch er
konnte nicht anders. Das Fernweh war stärker.
So lebte Arthur in den Tag hinein. Über die Jahre hatte er es zu einer kleinen
Berühmtheit in den Dörfern an Main und Rhein gebracht. Arthur hatte
eine feste Reiseplanung, musste jedoch manchmal ein Dorf umgehen, wenn
er es mit seinen Geschichten einmal zu weit getrieben oder die Tochter des Dorfältesten zu sehr bedrängt hatte. Das kam freilich nicht allzu häufig vor.
Und nach einem oder zwei Jahren hatten ihm die Menschen wieder verziehen,
denn sein Charme war unvergleichlich. Er war ein Mensch, dem man
nicht lange böse sein konnte. Arthur schaffte es in einem Jahr von Frankfurt
bis nach Köln, wo er sein Winterquartier bezog und im Frühling den Weg zurück
nach Frankfurt begann, um von dort aus im nächsten Frühjahr wieder
den umgekehrten Weg zu beschreiten.
An diesem wunderbaren Frühlingstag befuhr er gerade nicht weit vor den
Toren Frankfurts einen kleinen Weg entlang des Flusses Nidda. Die Nidda
mündete bei Höchst in den Main und bot Arthur eine willkommene Abwechslung,
da sich entlang des schmalen Flusses nur kleinere Ortschaften befanden,
in denen viele Bauern lebten. Der Tag neigte sich dem Ende zu und
Arthur hatte sich einen einigermaßen sicheren Rastplatz am Rande des Flusslaufes
gesucht. Er schlug sein Lager an einer der wenigen Furten der Nidda
auf und genoss die wunderbare Frühlingsluft. Um ihn herum zwitscherten
vergnügt die Vögel und suchten in der üppigen Vegetation entlang des malerischen
Flusses nach Nahrung. Die Nidda wand sich durch ein breites Tal und
bot seinem Betrachter ein vollkommenes Bild der Schönheit. Lange saß Arthur
am Flussufer und beobachtete die Tiere, wie sie den Lebensraum nutzten
und ihn mit ihrer Vielfalt erfreuten. Als endlich die Dunkelheit das Sonnenlicht
besiegt hatte, begab Arthur sich zur Ruhe unter seinen Wagen und fiel in
einen tiefen, ruhigen Schlaf. Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen
sein Gesicht berührten, erhob er sich von seinem Lager und ging
zum Ufer der Nidda, die sich in leichten Bodennebel hüllte. Er wusch sich
den Schlaf im kalten Flusswasser aus den Gliedern und sang vergnügt vor
sich hin, als er plötzlich Hufgetrappel hörte. Er hielt kurz inne und schaute
auf. Mehrere Reiter preschten von der gegenüberliegenden Flussseite auf ihn
zu. Zunächst rechnete er damit, dass die Gruppe vor dem Fluss stoppen, abdrehen
oder zumindest die Geschwindigkeit drosseln würde. Als sie jedoch
mit unvermindertem Tempo immer näher kamen, zog er es vor, seinen Platz
zu verlassen und hinter einem Baum in Deckung zu gehen. Die Reiter stoben
durch das Flussbett und hätten um ein Haar Arthurs Wagen gerammt. Noch
bevor Arthur protestieren konnte, war die Horde schon weit entfernt. Ihm
blieb nur noch die wenig befriedigende Möglichkeit, ein paar Verwünschungen
aus seinem reichhaltigen Schimpfwortrepertoire hinter der Gruppe herzurufen.
Wütend klaubte er seine Siebensachen zusammen und machte sich
zum Aufbruch bereit. Der Händler stieg auf seinen Wagen, wo die milde
Temperatur und die herrliche Landschaft seinen Ärger schnell vertrieben.
Heute würde er die nächste Station seiner Reise erreichen. Es handelte sich um ein kleines Dorf, das etwa eine halbe Tagesreise von Frankfurt entfernt
lag. Es war eingebettet in das wunderschöne Ulmenrück und trug den Namen
Berkersheim. Arthur kannte dort eine sehr hübsche Witwe, auf die er sich
schon freute. Außerdem hatte er in Berkersheim schon so manches gute Geschäft
abgeschlossen. Zur Mittagszeit sah er bereits die Ortschaft vor sich.
Die Häuser stiegen einen sanften Berg hinauf und boten einen wunderbaren
Anblick, der einem jeden Maler das Herz aufgehen lassen würde. Arthur versuchte
immer, möglichst zur Mittagszeit in den Dörfern einzutreffen, um die
Lage vor Ort besser sondieren zu können. Die meisten Männer waren noch
auf den Feldern und die Frauen brachten den Männern das Essen auf die
Äcker. So konnte Arthur umhergehen und in die Fenster schauen, welche Güter
gebraucht wurden und welche zum Tausch bereitstanden. Außerdem hatte
er genug Zeit, seinen Wagen in eine Tribüne umzubauen, auf der er seine Geschäfte
abwickelte und seine Lieder und Geschichten vortrug. Als er nach
Berkersheim hineinfuhr, passierte er die kleine hölzerne Kirche am Fuße des
ersten Anstieges. Gegenüber der Kirche lag das Höfchen, in dem die Verwalter
der Familie Schelm zu Bergen, denen Berkersheim gehörte, wohnten.
Langsam zog Horatio seinen Wagen durch die engen Gassen der kleinen
Siedlung. Das Pferd musste Schwerstarbeit leisten, um den Anstieg der steilen
Gassen zu bewältigen. Doch schon wenig später traf Arthur am Dorfplatz
ein, wo sich rechter Hand die Bergener Klause, die einzige Schenke Berkersheims,
befand. Sofort fielen ihm die Pferde vor dem Haus auf. Es waren dieselben,
die am Morgen von ihren Reitern durch die Furt getrieben worden
waren und Arthur beinahe erwischt hätten. Die Wut auf die Vagabunden kam
wieder zurück. Arthur hielt seinen Wagen an und stieg vom Kutschbock herab.
Der Händler stieß die Tür zur Wirtsstube auf und sah sich um. Samson
begleitete seinen Herrn wie immer am Fuße. Die Schenke war nur schwach
durch die Butzenfenster beleuchtet. Man konnte kaum von einer Ecke in die
andere sehen. Dominiert wurde der Raum von einer mächtigen Holztheke,
die kunstvoll mit Schnitzereien verziert war. Mehrere schwere Holztische,
die von Stühlen und Bänken umrahmt waren, boten Platz für etwa zwanzig
Personen. An der hinteren Wand saßen vier Männer an einer der Sitzgruppen.
Ansonsten war die Schenke menschenleer. Durch das schwache Licht konnte
Arthur die Männer nur schwer erkennen. Es waren aber zweifellos die Reiter
vom Morgen. Was ihm zudem auffiel, war, dass sie alle eine Art Uniform
trugen und somit dem Anschein nach einem gemeinsamen Herrn dienten. Arthur
beschloss, die Männer zunächst nicht wegen des morgendlichen Zwischenfalls
an der Furt zur Rede zu stellen und ging zum Tresen, wo er auf das
Holz klopfte. Kurz darauf kam aus einem Nebenraum der Wirt. Der Hausherr war ein mächtiger Mann, der ein schlecht rasiertes Gesicht und einen stattlichen
Bauch zur Schau trug, der von einer verdreckten Schürze bedeckt war.
Die Haarpracht des Mannes war sehr schütter und seine Augen traten weit
aus ihren Höhlen. Der Mann zog sein rechtes Bein nach.
„Denkt Ihr, ich sei taub?“ Der Wirt schien wütend zu sein.
„Nun, wie ich Euch in Erinnerung habe, Meister Isegaard, so seid Ihr tauber
als ein totes Schwein“, gab Arthur frech zurück.
Die Miene des Wirtes erhellte sich merklich. „Arthur! Alter Schwerenöter,
was macht Ihr denn hier?“
Jetzt lachten beide Männer und packten sich an den Schultern. „Kommt
und setzt Euch an meinen besten Tisch. Der erste Met geht auf meine Rechnung“,
sagte Isegaard und führte Arthur an einen Tisch am Fenster.
„Habt Dank, bester Wirt am Main“, erwiderte Arthur lachend.
„Immer noch der alte Schmeichler.“
„Ego sum, qui sum“, sagte Arthur fröhlich. „Ich bin der, der ich bin. Was
gibt es heute aus Eurer Küche, Meister Isegaard?“
Der Wirt hatte in der Zwischenzeit einen Krug Met herbeigeholt und stellte
ihn krachend auf Arthurs Tisch. „Heute haben wir Wildschweintopf.“
„Na dann: her damit, mein Freund!“
Isegaard ging in die Küche und ließ Arthur allein. Verstohlen beobachtete
der Händler die in der dunklen Ecke sitzenden Männer. Sie aßen stumm ihren
Eintopf und tranken Bier. Sie schienen sich an seiner Anwesenheit nicht zu
stören. Er wusste nicht, was ihm an ihnen nicht gefiel, doch beschlich ihn
Unbehagen bei ihrem Anblick. Der Wirt vertrieb Arthurs Gedanken, als er
den Eintopf brachte und sich zu ihm gesellte.
„Nun, Arthur, alter Freund. Wie ist es Euch ergangen?“
„Ich kann nicht klagen“, antwortete dieser mit halb vollem Mund. „Die
Witwen und Jungfrauen an Rhein und Main sind meiner noch nicht überdrüssig
und die Geschäfte laufen hervorragend.“ Beide lachten schallend, woraufhin
sie düstere Blicke aus der Ecke ernteten. Arthur nutzte die Gelegenheit
und schob seinen Kopf näher an den des Wirtes heran.
„Sagt, mein Freund, wer ist denn dieses dunkle Völkchen in der Ecke
dort?“
Der Wirt senkte seine Stimme, sodass Arthur sich anstrengen musste, ihn
zu verstehen. „Das ist die Leibwache von unsrem Herrn, Gandolf Schelm zu
Bergen. Üble Gesellschaft. Denken Wunder, wie stark sie sind. Machen
überall nur Ärger.“
Arthur legte seinen ursprünglichen Vergeltungsplan, wegen der Sache vom
Morgen, daraufhin auf Eis.
„Wenn diese Kerle die Leibwache sind, wo ist dann ihr Herr?“
„Der wird in seinem Schloss hocken und Geld zählen“, antwortete der Wirt
verbittert. „Meistens schickt er immer ein paar seiner Schurken in die Ländereien,
um den Zehnten einzutreiben und säumige Schuldner zu verprügeln.“
„Werdet Ihr auch von diesen Kerlen heimgesucht?“ Arthur war ehrlich besorgt.
„Selten“, antwortete der Wirt. „Meistens sind diese Strauchdiebe nur auf
der Durchreise bei mir und ziehen dann weiter.“
„Wo ist denn das Domizil der Herrscherfamilie?“
„Etwa einen halben Tagesmarsch entfernt von hier“, sagte Isegaard mit leiser
Stimme, damit die dunklen Männer ihn nicht hören konnten. „Drüben in
Bergen. Aber ein Teil seiner Familie residiert im Höfchen unten an der Kirche.
Doch die bekommen von all dem, was diese Räuber treiben, nichts mit.“
Plötzlich rief einer der dunklen Männer den Wirt herbei. Dieser eilte, so
schnell es sein schlimmes Bein zuließ, herüber und verneigte sich demütig
vor den Männern. Der Wirt und einer der Kerle lieferten sich ein kurzes
Wortgefecht. Arthur konnte nicht genau verstehen, worum es ging. Der
Mann, der mit Isegaard sprach, war ein wuchtiger Riese. Sein mächtiger
Kopf war von strähnigen Haaren überzogen, die wirr auf seinem Kopf tanzten.
Sein rechtes Auge verbarg sich hinter einer schwarzen Klappe und seine
Nase schien mehrfach gebrochen. Die Hände des Mannes waren so groß wie
Mistgabeln und schienen wahre Werkzeuge zu sein. Arthur lief beim Anblick
des Mannes ein Schauer über den Rücken. Der Riese gestikulierte immer heftiger
und der Wirt wurde immer kleinlauter. Plötzlich sprang der dunkle Kerl
vom Tisch auf, wobei er die Hälfte des Geschirrs mitriss, und packte den
Wirt am Kragen. Der Riese griff an seinen Hosenbund und zog einen Dolch
heraus. Arthur reagierte blitzschnell und instinktiv. Wäre mehr Zeit zum
Nachdenken gewesen, hätte er es sich noch mal überlegt und sich bestimmt
nicht mit einem Mitglied der Leibwache eines Herrschers angelegt. Der
Händler packte den Arm des Angreifers, mit dem er den Dolch in den Wirt
rammen wollte, und trat ihm gleichzeitig in die Kniekehle. Der Kerl schrie
auf und sackte zusammen. Arthur stand über ihn gebeugt. Gleichzeitig langte
er nach einem auf dem Tisch stehenden Bierkrug und schlug damit auf den
Kopf des vor ihm kauernden Mannes ein. Der Leibwächter brach zusammen
und blieb benommen liegen. Als die Kameraden des Mannes sich auf Arthur
stürzen wollten, kam aus dem Hintergrund Samson angesprungen und stellte
sich knurrend vor seinen Herren. Die Kerle blieben stehen. Der Kleinste von
ihnen sagte: „Wenn Sigmund so blöd ist, sich von einem dahergelaufenen
Wandersmann niederschlagen zu lassen, dann ist’s ihm recht geschehen.“
Die beiden anderen nickten und brummten zustimmend, immer noch ängstlich
den Blick auf Samson gerichtet. Ein anderer, fürchterlich hässlicher
Mann sagte: „Sigmund hat schon immer gekämpft wie ein Weib.“
Die beiden Ängstlichen lachten schallend, woraufhin sich Arthur langsam
entspannte. Kurz darauf rappelte sich Sigmund auf und rieb sich mit
schmerzverzerrtem Gesicht den Schädel. Er schaute auf seine lachenden Kameraden,
die sich bogen vor Belustigung. Dann schaute er Arthur an. Dieser
ging sofort in Angriffsstellung und wartete auf die Tracht Prügel seines Lebens.
Arthur, selbst ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern, stand
Aug in Aug mit dem Raufbold. Zu Arthurs Verwirrung stimmte der Kerl in
das Lachen ein und packte ihn bei den Schultern.
„Bei Gott, du bist der Erste, der mich seit Jahren niedergeschlagen hat.
Nenn mir deinen Namen, Fremder.“
Arthur, der sichtlich verdutzt war, stammelte: „A ... Arthur.“
„Arthur? Und weiter?“
„Arthur. Sonst nichts. Ich bin nur ein einfacher fahrender Händler.“
„Auch das noch“, rief Sigmund mit erhobenen Armen. „Jetzt lass ich mich
auch noch von einem Ungeübten niederschlagen. Mein Name ist Sigmund
von Hollerbach. Auch genannt Sigmund der Starke. Setz dich, Arthur fahrender
Händler, und trink mit mir.“
Sigmund schleifte Arthur mit an den Tisch.
„Wirt, bring noch mehr Bier!“
Der Wirt war sichtlich erleichtert, dass seine Einrichtung überleben würde
und lief zur Theke, wo er Bier in einen neuen Krug schenkte.
„Ich möchte nicht neugierig erscheinen“, begann Arthur vorsichtig. „Aber,
warum seid Ihr dem Wirt an die Kehle gesprungen?“
Sigmund schaute Arthur ernst an, sodass dieser dachte, er würde dem Wirt
gleich wieder an die Gurgel gehen.
„Ich habe einen Rattenschwanz in meinem Eintopf gefunden. Der Schuft
wollte mich vergiften. Von wegen Wildschweintopf, dass ich nicht lache. Der
Strolch hält uns zum Besten.“
Arthur schaute angewidert zu Isegaard, der schnell dem Blick auswich und
so tat, als sei er mit der Reinigung der Theke beschäftigt. Neugierig schaute
Arthur in Sigmunds Teller. Dort lag ein langes graues Teil. Er nahm es in die
Hand und hielt es in das schwache Licht, das durch das schmale Fenster fiel.
„Das ist kein Rattenschwanz, sondern ein Stück verbrannte Speckschwarte.“
Sigmund schaute ungläubig und riss Arthur das Stück aus der Hand. Er
drehte es im Licht und biss dann mit seinen faulen Zähnen darauf herum.
„Beim heiligen Antonius von Padua, du hast recht, Arthur Händler.“
Die Kameraden Sigmunds fingen wieder laut zu lachen an. Der kleinste der
Männer sagte: „Erst lässt er sich von einem Händler einen Bierkrug auf dem
Schädel zertrümmern und dann kann er nicht einmal ein Stück Schwarte von
einem Rattenschwanz unterscheiden.“
Den drei Kerlen liefen die Tränen vor Lachen.
Arthur grinste Sigmund an.
„Ich glaube, Ihr solltet Euch beim Wirt entschuldigen.“
Sigmund schaute verlegen.
„He, Wirt. Komm her“, rief er.
Der Wirt zögerte. Arthur nickte ihm aufmunternd zu. Isegaard ließ seinen
Lappen fallen und hinkte zum Tisch.
„Wie kommt es, dass du mir dieses Lederband servierst?“ Sigmund wirkte
bedrohlich. Isegaard, jetzt völlig durcheinander, schaute Sigmund ängstlich
an. Er befürchtete, der Kerl würde wieder versuchen, ihn aufzuschlitzen.
„Das muss von meinem Knecht sein“, sagte er ängstlich und trat einen
Schritt vom Tisch weg. „Der trägt so eines immer um den Hals, von seiner
Liebschaft.“
„Dann sei dir verziehen“, sagte Sigmund gönnerhaft. „Unter der Bedingung,
dass du dem Knecht eins auf sein Maul gibst und ihm in Zukunft verbietest,
sich so einen Mist um den Hals zu hängen. Zum Zeichen meines Verzeihens
bestelle ich noch einen Krug Bier“, Sigmund hob drohend einen
schmutzigen Zeigefinger und fügte hinzu: „Den du mir bezahlst.“
Der Wirt, nun merklich erleichtert, schlich von dannen und kümmerte sich
um den Biernachschub. Nachdem er den Bierkrug an den Tisch der dunklen
Kerle gebracht hatte, ging er ohne Umwege in die Küche und verschloss die
Tür. Kurze Zeit später hörte man Töpfe scheppern und Schmerzensschreie
aus der Küche. Offenbar hatte der Wirt die Bedingung von Sigmund ausgiebig
erfüllt. Die Leibwache des Schelms von Bergen lachte sich schlapp. Arthur
konnte über den Scherz nicht lachen. Ihm war es zuwider, dass der völlig
unschuldige Knecht nun unter dem eigenwilligen Humor dieses bösartigen
Menschen hatte leiden müssen.
Arthur fühlte sich in der Gesellschaft der vier rohen Kerle sehr unwohl. Er
lachte, wenn sie lachten, und war stets ihrer Meinung, nur um keinen neuen
Ärger heraufzubeschwören. Die Kerle waren allesamt unansehnlich. Vor allem
der größere, schon auf den ersten Blick hässlichste der vier Männer flößte
Arthur Angst ein. Er hatte eine riesige Nase, die beinahe das gesamte Gesicht
durchzog. Die Augen waren nicht auf einer Höhe und lagen unter
Schlupflidern verborgen. Der Mund war mit lediglich zwei Zähnen gefüllt, die beide schwarz waren. Außerdem zeigte sich eine schlecht gemachte Operation
einer Hasenscharte unter der mächtigen Nase. Komplettiert wurde der
gruselige Anblick durch einen fetten Bauch und einen mickrigen Bartwuchs,
der nur stellenweise an den Wangen hervortrat.
Arthur hatte noch nie eine solch merkwürdige Gesellschaft genossen. Endlich
sagte der Hässlichste, den sie Gisbert riefen und welcher der Anführer zu
sein schien, dass sie aufbrechen müssten, sie hätten schließlich noch ein paar
Steuern einzutreiben. Bevor die Männer die Schenke verließen, zahlten sie
dem Wirt nicht mehr als nötig. Arthur atmete erleichtert auf, als die Männer
endlich außer Sichtweite waren.
Anschließend kam Isegaard zu Arthur und setzte sich erleichtert neben ihn.
„Das sind mit Abstand die schrecklichsten Menschen, die ich in meinem
Leben getroffen habe“, sagte Arthur schaudernd. „Wenn die immer so sind,
dann hast du bestimmt nicht viel zu lachen beim Bewirten.“
„Das kannst du laut sagen, mein Freund“, sagte Isegaard deprimiert. „Heute
waren sie noch harmlos.“
„Istud, quod tu summum putas, gradus est”, murmelte Arthur in sich gekehrt.
„Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“
Er sollte recht behalten.



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